A2A wechselt zur Linux Foundation
Google hat A2A an die Linux Foundation übergeben; sieben konkurrierende Anbieter tragen das Projekt gemeinsam. Wir ordnen die Fakten, den technischen Umfang und die offenen Lücken ein und erklären, warum neutrale Governance für organisationsübergreifende Agenten-Interoperabilität entscheidend ist.
Agenten interoperieren nicht von allein
Nahezu jeder große Softwareanbieter liefert inzwischen eine Agentenplattform aus. Copilot Studio, Agentforce, Googles Agent Development Kit und Dutzende Open-Source-Frameworks verwenden eigene Nachrichtenformate, Task-Lebenszyklen und Authentifizierungsverfahren. Zwischen zwei Plattformen kann Arbeit deshalb nur über individuellen Integrationscode delegiert werden. Bei n Plattformen entstehen bis zu n² Punkt-zu-Punkt-Adapter. Das Enterprise-Integrationsproblem der 2000er-Jahre kehrt zurück — diesmal mit Agenten.
Gemeinsame Protokolle reduzieren diese quadratischen Kosten. Anthropics Model Context Protocol (MCP) standardisiert seit November 2024, wie Agenten Werkzeuge und Daten erreichen. Offen blieb die Kommunikation zwischen Agenten, vor allem über Organisationsgrenzen hinweg. Google veröffentlichte A2A im April 2025 für genau diese Schicht. Doch solange ein einzelner Anbieter das Protokoll kontrollierte, blieb ein Governance-Risiko, das die Einführung bremste. Die Übergabe vom 23. Juni adressiert dieses Risiko.
Die Ankündigung in Fakten
Auf dem Open Source Summit North America in Denver kündigte die Linux Foundation am 23. Juni 2025 das Agent2Agent-Projekt an. Google überträgt die A2A-Protokollspezifikation, die zugehörigen SDKs und das Entwickler-Tooling an die neue Organisation. Gründungsmitglieder sind Amazon Web Services, Cisco, Google, Microsoft, Salesforce, SAP und ServiceNow. Mehr als 100 Unternehmen unterstützen das Protokoll; AWS und Cisco sind die jüngsten Unterstützer. Der Code liegt jetzt unter der GitHub-Organisation a2aproject.
Jim Zemlin, Executive Director der Linux Foundation, begründet den Schritt mit "langfristiger Neutralität, Zusammenarbeit und Governance". Die Formulierung ist Standard für Foundation-Ankündigungen. Das Signal ist es nicht: Fünf der sieben Gründungsmitglieder betreiben konkurrierende Agentenplattformen. Sie verpflichten sich jetzt auf ein gemeinsames Wire-Format.
Der Projektumfang geht über den Spezifikationstext hinaus. Die Übertragung umfasst SDKs, npm-Pakete, Beispielimplementierungen und das seit April entstandene Tooling. Nach den Regeln der Linux Foundation erhält das Projekt offene technische Governance: Maintainer, öffentliche Beitragswege und anbieterneutrale Entscheidungsprozesse.
Vom Vendor-Launch zum Foundation-Projekt
Der Zeitablauf ist für ein Standardisierungsvorhaben ungewöhnlich kurz. Google kündigte A2A am 9. April 2025 auf der Cloud Next an, mit mehr als 50 Partnern — Microsoft und AWS fehlten auffällig. Microsoft trat der Arbeitsgruppe am 7. Mai bei und kündigte A2A-Unterstützung für Azure AI Foundry und Copilot Studio an. AWS und Cisco kamen mit dem Foundation-Schritt hinzu. Zwischen öffentlichem Launch und Übergabe lagen elf Wochen.
Dieses Tempo ist kein Zufall. Agentenplattformen werden bereits ausgerollt; jeder Monat ohne gemeinsames Protokoll erzeugt weitere proprietäre Integrationen, die später wieder entfernt werden müssen. Google hatte im April eine produktionsreife Version für das laufende Jahr angekündigt. Die Governance noch vor Version 1.0 auszulagern, kehrt die übliche Reihenfolge um und senkt früh das Risiko einer Fragmentierung.
| Datum | Ereignis |
|---|---|
| 25.11.2024 | Anthropic veröffentlicht das Model Context Protocol (MCP) |
| 09.04.2025 | Google kündigt A2A auf der Cloud Next mit über 50 Partnern an |
| 07.05.2025 | Microsoft tritt der A2A-Arbeitsgruppe bei; Unterstützung für Azure AI Foundry und Copilot Studio angekündigt |
| 23.06.2025 | Linux Foundation startet das Agent2Agent-Projekt mit sieben Gründungsmitgliedern |
Was das Protokoll spezifiziert
Die aktuelle Spezifikation trägt die Version 0.2. A2A verwendet JSON-RPC 2.0 über HTTPS als Transport. Jeder A2A-Server veröffentlicht eine Agent Card: ein JSON-Dokument mit Identität, Fähigkeiten, Skills, Service-Endpunkt und Authentifizierungsanforderungen. Clients nutzen die Card zur Discovery und zur Aushandlung der Interaktion. Die Authentifizierung greift auf etablierte Verfahren zurück — OAuth 2.0, API-Keys, OpenID Connect — deklariert pro Agent statt vom Protokoll neu erfunden.
Die Interaktion ist Task-orientiert. Ein Client sendet eine Nachricht; der Server erzeugt einen Task mit definiertem Lebenszyklus: submitted, working, input-required, completed, failed oder canceled. Ergebnisse sind typisierte Artefakte. Für inkrementelle Resultate streamen Server Status- und Artefakt-Updates über Server-Sent Events. Für langlaufende Aufgaben — Stunden oder Tage — liefern Push-Benachrichtigungen Updates an einen Client-Webhook. Nachrichten bestehen aus typisierten Parts, sodass Agenten Formate jenseits von reinem Text aushandeln können.
Warum neutrale Governance zählt
Ein Wire-Protokoll ist Infrastruktur, und kein Unternehmen baut organisationsübergreifende Workflows auf ein Format, das ein Wettbewerber einseitig ändern kann. Foundation-Eigentum verschiebt diese Kontrolle: Spezifikation, Markenrechte und Repositories liegen bei einer neutralen Non-Profit-Organisation; Änderungen folgen offener Governance statt einer Anbieter-Roadmap. IP-Management und langfristige Stewardship sind deshalb keine Nebenaspekte, sondern erklärte Ziele der Übertragung.
Klare Vorbilder zeigen, warum das relevant ist. Google übergab Kubernetes 2015 an die neu gegründete CNCF; auch deshalb konnte es zur Standard-Orchestrierungsschicht werden, ohne Wettbewerber strategisch an Google zu binden. OpenTelemetry ging denselben Weg für Observability, A2A nun für Agentenkommunikation. Dass AWS zu einem von Google initiierten Protokoll beiträgt, belegt sichtbar, wie Neutralität das Kalkül verändert.
Was A2A nicht löst
A2A definiert das Gespräch zwischen Agenten, nicht die Agenten selbst. Es spezifiziert weder Orchestrierungslogik noch Reasoning-Qualität, Modellauswahl oder die eigentliche Ausführung eines Tasks. Es ersetzt MCP nicht: MCP verbindet einen Agenten vertikal mit Werkzeugen und Daten, A2A verbindet Agenten horizontal als Peers. Beide Schichten sind nötig — das sagen beide Seiten ausdrücklich.
Die technischen Lücken bleiben dennoch bestehen. Eine Agent Card kann organisationsübergreifende Identitätsföderation deklarieren, stellt das Vertrauen zwischen zwei Unternehmen aber nicht her; das bleibt Deployment-Arbeit. Ein globales Discovery-Register fehlt ebenso wie gemeinsame Semantik für Haftung, Abrechnung und Audit delegierter Tasks. Zudem ist Version 0.2 kein fertiger Standard. Breaking Changes vor 1.0 sind nicht nur möglich, sondern wahrscheinlich.
Wie es weitergeht
Ende Juni 2025 ist die nächste Etappe klar umrissen: die Spezifikation Richtung 1.0 härten, Transporte ergänzen und Identität präzisieren. Zunächst dürfte der Foundation-Schritt Enterprise-Piloten erleichtern, denn Rechts- und Einkaufsabteilungen akzeptieren einen Linux-Foundation-Standard eher als die API eines Wettbewerbers. Cisco plant A2A-Unterstützung in seinen AGNTCY-Komponenten, AWS hat Beiträge angekündigt. Lieferbarer Code von beiden wäre der erste belastbare Test der neuen Governance.
Das praktische Ziel bleibt nüchtern: Ein Einkaufsagent verhandelt Lieferfenster mit dem Logistikagenten eines Zulieferers — unterschiedliche Anbieter, unterschiedliche Clouds, ein gemeinsames Protokoll. Dafür braucht es MCP innerhalb und A2A zwischen Organisationsgrenzen. Ob A2A zum TCP/IP der Agenten wird oder eines von mehreren Protokollen bleibt, entscheiden Implementierungen, nicht Ankündigungen. Wir entwickeln gegen Version 0.2, kapseln die beweglichen Teile und beobachten die Governance ebenso genau wie die Spezifikation.
Quellen
- Linux Foundation: Launch of the Agent2Agent Protocol Project (23 Jun 2025)
- Google Developers Blog: Google Cloud donates A2A to Linux Foundation (23 Jun 2025)
- Google Developers Blog: Announcing the Agent2Agent Protocol (9 Apr 2025)
- Microsoft Cloud Blog: Empowering multi-agent apps with the open Agent2Agent (A2A) protocol (7 May 2025)
- A2A Protocol Specification v0.2.0 (2025)
- The New Stack: Google Donates the Agent2Agent Protocol to the Linux Foundation (23 Jun 2025)
